Lesetipp zum G8: Antiimperialismus heute

Der Gegenstandpunkt-Verlag hat einen lesenswerten Artikel zum G8-Gipfel und seinen Kritikern verfasst. Dem ersten Urteil der Protestler, dass der beschissene Zustand für den Großteil der Weltbevölkerung schon in den Macht- und Profitinteressen der auf der G8-Konferenz versammelten Staaten seine Ursache hat, wird schon recht gegeben:

„Die von der Dominanz der G8 geprägte Welt ist eine Welt der Kriege, des Hungers, der sozialen Spaltung, der Umweltzerstörung und der Mauern gegen MigrantInnen und Flüchtlinge.“ (Eine andere Welt ist möglich! Aufruf zur Internationalen Großdemonstration in Rostock am Samstag, 2.6.2007)

Ursächliche Zusammenhänge zwischen der Dominanz der G8 und dem Elend der Welt wissen die Wortführer des Protests auch anzugeben – das muss auch sein; schließlich dominiert, nicht bloß in Deutschland, eine öffentliche Meinung, wonach am wohlbekannten und gar nicht beschönigten desolaten Zustand des Globus ein Mangel an kapitalistischer Geschäftemacherei, eine Horde wild gewordener Terroristen und die korrupten Häuptlinge der armseligsten Mitglieder der Völkergemeinschaft schuld sind; eine Diagnose, die alle Unverschämtheiten nachbetet, mit denen sich die Lobby kapitalistischer Geschäftemacher, die demokratisch gewählten War Lords der westlichen Großmächte und all die ehrenwerten Instanzen der „1. Welt“ ins Recht setzen, die sich mit ihren Finanzmitteln Regierungen und andere Gewalthaber in der „3. Welt“ kaufen.

Der Fehler der G8-Protestler wird in ihrem Minimalkonsens deutlich, welcher in dem Hinweis besteht, dass „eine andere Welt möglich“ ist:

„Dagegen wollen wir bei unserer Großdemonstration am 2. Juni 2007 in Rostock protestieren und die Alternativen dazu aufzeigen.“ (Eine andere Welt ist möglich! Aufruf zur Internationalen Großdemonstration in Rostock am Samstag, 2.6.2007)

Alternativen aufzeigen – dazu?! „Aufzeigen“, dass „es“ auch anders geht – das klingt so, als wäre gar nicht weiter viel dabei, eine ganze mit Krieg verteidigte Weltordnung aus den Angeln zu heben und zu ersetzen; als wollten die Gipfelkritiker, noch bevor sie den gewalttätigen Zwängen der wirklichen Welt auf den Grund gekommen sind, sich anheischig machen zu zeigen, wie der ganze Laden, den man kennt, sich auch ohne Verelendung und kriegerisches Gemetzel managen ließe. Wer so denkt, nimmt allerdings alle Behauptungen über eine Weltordnung, die auf Krieg „gestützt“ ist und Ausbeutungsinteressen bedient, schlichtweg zurück – oder hat sie so ernst überhaupt nie gemeint.

Den meisten der kritisch eingestellten Leute, denen Heiligendamm eine Demonstration wert ist, mag die Frage, wie man sich das mit der Weltordnung zu denken hat, unwichtig vorkommen. Der schlichte Befund, dass der Globus für die Masse seiner Insassen ein eher ungemütlicher Wohnort ist, und die Vermutung, dass die Machthaber, wenn schon Chefs von Weltmächten, dann auch dafür verantwortlich sind – irgendwie –, mögen ihnen genügen für einen Protest – und tatsächlich braucht man über die Regularien des internationalen Kreditgeschäfts nicht im Einzelnen Bescheid zu wissen, um gegen das System Einspruch einzulegen, zu dem Schulden so gut wie Waffen gehören und enorme Gewinne ebenso wie massenhaftes Elend. Genau in der Frage aber: ob der Protest dem System des Welthandels gilt oder bloß einer vermuteten Ungerechtigkeit beim Geschäftemachen, ob man zu den Prinzipien des kapitalistischen Menschenverschleißes und Naturverbrauchs Nein! sagt oder bloß zu ein paar Übertreibungen, ob man in der Ordnung der Welt, wie sie ist, den Grund für Gewalt und Krieg erkennt oder ein Problemfeld, das für bessere „Lösungen“, solche ohne Waffengewalt offen ist: in der Frage geht es ums Ganze. Daran entscheidet sich nämlich, ob man der „von der Dominanz der G8 geprägten Welt“ ihre Grobheiten und Gemeinheiten als letztlich überflüssige Verfehlungen vorhalten, also ansonsten und im Prinzip sein Einverständnis bekunden will, oder ob man die Notwendigkeiten dieser Weltordnung im Sinn hat und denen jedes Verständnis aufkündigt. Es geht um die Entscheidung, ob man sich an der Vorstellung erbauen möchte, die Welt könnte ganz gut auch ohne ihre schlechten Seiten funktionieren, oder ob man sich klar macht, warum diese Welt über so eindrucksvoll schlechte Seiten verfügt, und in den Gründen die Mittel findet, ohne die dem ganzen Elend nicht wirklich beizukommen ist.

Der gesamte Artikel „Zu den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm – Radikale Anklagen, bescheidene Alternativen, verwegene Anträge: Antiimperialismus heute – und wie der Rechtsstaat damit umspringt“ ist in der Zeitschrift Gegenstandpunkt 2-07 zu finden.

Das Referat Ideologiekritik bietet die Möglichkeit, diesen Artikel bei ihrem wöchentlichen Treffen zu diskutieren – am Montag den 04. und Montag den 11. Juni um 20h in der Belfortstr. 24, u-asta-Haus der Uni Freiburg.


1 Antwort auf “Lesetipp zum G8: Antiimperialismus heute”

  1. 1 Mecklenburg-Vorpommern Forum Trackback am 31. Mai 2007 um 17:47 Uhr
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