Antwort 1: Bemerkung zur Menschennatur

Es passiert einem öfters mal, dass man sich – ganz unschuldig – ein wirklich fragwürdiges Phänomen erklären will. Dann grübelt man rum, macht sich so seine Gedanken und gibt sein bestes, die Notwendigkeiten der Sache möglichst genau zu bestimmen. So haben wir uns beispielsweise Gedanken zum Emsdettener Amoklauf gemacht und ausgehend vom Selbstbild des Täters als Verlierer, der mit dieser Tat sein angeknackstes Selbstbewusstsein wieder gerade rücken wollte, in drei Schritten darzustellen versucht, wie der Amokläufer zu diesem Schluss gekommen ist. Dabei sind wir darauf gestoßen, dass in der Schule tatsächlich Sieger und Verlierer hergestellt werden. Nicht nur das, ihre Sortierung in Sieger und Verlierer sollen die Schüler auch noch als ihre ihnen selbst innewohnenden Eigenschaften begreifen. Die Schüler übernehmen dieses Urteil in den meisten Fällen und lernen daraus sowohl, dass es darauf ankommt andere, und nicht sich zum Verlierer zu machen, als auch, dass es furchtbar wichtig ist, sich und anderen zu beweisen, dass man ein Sieger-, und nicht etwa ein Verlierertyp ist. Amokläufe wie Erfurt oder Emsdetten sind eine Möglichkeit von vielen, sich als Siegertyp zu fühlen. Der einzige Grund, warum diese Art mediales Aufsehen erregt, ist ihre staatliche Ächtung per Gesetz.

Auf diese Analyse hat jemand folgenden Kommentar geschrieben:

Die Leute wurden so erschaffen andere Menschen zu mißachten, zu verachten, häufig um ihre Sebsteinschätzung zu erhöhen. Die Menschenswelt unterscheidet sich nicht so stark von der Tierwelt. Aber Tiere töten andere für Essen, Leute tun das manchmal aus Spaß.

Diese Bemerkung geht zu 100% an dem vorbei, was der Beitrag, auf den sie sich beziehen will, aussagen sollte. Die Analyse macht sich die Mühe, zu unterscheiden und Gründe zu benennen. Der Kommentar kennt keinen Grund außer einem: Es musste ja so kommen, weil „der Mensch“ so ist. Dieses Urteil – so populär es auch sein mag – kommt stets ohne Begründung daher, und zwar sehr folgerichtig. Es gibt nämlich keine.

menschennaturWoher weiß man denn, dass „die Leute“ andere „verachten“ müssen? Naja, es tun eben ziemlich viele. Ebenso gut müsste man sagen: „Die Leute“ müssen andere ignorieren. Oder gebären. Oder pflegen. Oder Foltern. Oder… Man merkt: Menschen verbringen ihre Zeit mit ziemlich verschiedenen Tätigkeiten. Für irgendeine von denen eine absolute Notwendigkeit zu behaupten und zu meinen, gerade das mache den Menschen aus, ist willkürlich und unbegründet.

Wozu ist ein solcher Kommentar also gut? Wer so urteilt, will garantiert nicht wissen, was einen Amokläufer antreibt und wo die gesellschaftlichen und ideologischen Gründe für seine Tat liegen. Statt einer Erklärung soll die angewendete Kategorie der Notwendigkeit der Affirmation dienen. Gerade so, wie wenn ein Mensch stirbt, und man mit seiner Trauer besser umgehen kann, wenn man sich die letztliche Zwangsläufigkeit des Todes vor Augen hält, will man sich mit dem Urteil „der Mensch ist halt so“ mit der fraglichen Sache zufriedengeben. „‚S isch, wies isch“ sagen die Großeltern und finden sich so in ihr Schicksal.

Wir empfehlen, das Bedürfnis, sich einer unliebsamen Sache geistig zu unterwerfen einmal aufzugeben und stattdessen einmal zu schauen, wieso es „dahin kommen musste“. Schließlich kann es ja sein, dass eine brutale Tat wie ein Amoklauf gar nicht unbedingt sein muss, sondern bloß unter bestimmten Bedingungen recht wahrscheinlich wird. Auch die Einteilung von Schülern in Gewinner und Verlierer, eine sehr viel alltäglichere Brutalität als die gewalttätigen Ausraster, ist ja vielleicht eine vermeidbare Sache. Und bloß weil das, was den Schülern da angetan wird, ziemlich durchgesetzt ist und die Regel darstellt, muss es doch nicht so bleiben. Allerdings: Das wird es mindestens so lange, wie auch die Beteiligten dasselbe beliebte Verfahren anwenden wie obiger Kommentar. Solange sich die Geschädigten dadurch in ihre jeweiligen Rollen und Pflichten schicken, indem sie sie als Zwangsläufigkeit interpretieren, solange bleibt es für sie weiterhin ungemütlich. Dann wird weiter munter sortiert und Schüler bringen weiterhin sich und andere um.

p.s. Wer sich die Art und Weise der zirkulären Erklärung eines Phänomens als Folge einer in der Sache wohnenden Kraft einmal genauer anschauen will, der sei auf das Buch von Albert Krölls „Kritik der Psychologie – Das moderne Opium des Volkes“ verwiesen. Im Kapitel „Determinismus als universelles Erklärungsprinzip der Psychologie“ wird dieses Verfahren genauer kritisiert.

Einleitung und Inhaltsangabe des Buches Kritik der Psychologie als pdf.


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