Zur Kritik der Soziologie: Das „abgehängte Prekariat“ & die „Unterschicht“

Vortrag am 24.01.2007 in der freiburger Universität.


Die Politik besichtigt die Ergebnisse ihrer Verarmungsstrategie, die Sozialforschung liefert ihr dazu die Daten: Es gibt kein Proletariat und keine Klassen, sondern eine Ansammlung von lauter zufälligen Notlagen.

Die arbeitende Klasse heißt hierzulande nicht so. Schon gar nicht „Proletariat“. Trotzdem weiß jeder, wen es betrifft, wenn Politik und Wirtschaft mit Lohnsenkungen, Niedriglohnmodellen und Hartz-Gesetzen das Wachstum voranbringen. Diejenigen, die allen Grund hätten, laut zu werden, fügen sich still in ihr Los. Die Elite aus Politik und Wirtschaft, Medien und Wissenschaft dagegen liefert sich eine lautstarke Debatte über die neu entdeckte „Unterschicht“ oder das „Prekariat“. Ihr Inhalt: Arme Leute haben kein Problem, sie sind eines. Für den Staat, weil sie bloß kosten; für „die Wirtschaft“, weil die Stütze, die sie kriegen, aus den Lohnnebenkosten bezahlt wird und daher die Lohnkosten belastet; für die staatstragenden Parteien, weil sie entweder gar nicht wählen gehen oder ihr Kreuzchen bei den Radikalen auf der rechten oder linken Seite des Parteienspektrums
machen.

unterschichtDie SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung hat Soziologen nachforschen lassen und in Deutschland eine Schicht von 6,5 Millionen (das entspricht etwa 8 % der Bevölkerung) „prekarisierten“ Menschen entdeckt, die wegen Armut und Arbeitslosigkeit oft über Generationen hinweg von Bildung und Gesellschaft abgekoppelt sind. Dieser Sicht der Dinge hat sich der SPD-Vorsitzende Kurt Beck angeschlossen. Deshalb hat sie ihren Weg dann auch in die deutsche Presse gefunden und sowohl dort als auch in der politischen Szene eine „Debatte über neue Armut“ ausgelöst. Die erste wie die vierte Gewalt sind sich dabei in der nationalen Optik der Dinge wieder einmal einig: Der Skandal sind nicht die verarmten Menschen, die ein Problem damit haben, allmonatlich über die Runden zu kommen. Vielmehr machen dieseLeute „Deutschland … ein zunehmendes Problem. Manche nennen es ‚Unterschichten-Problem‘“ (Kurt Beck). Verwahrlosung, Verdummung, Kriminalität, Gewalt, Drogensucht, Kindesmisshandlungen, fehlender Wille, anständig und erfolgsorientiert zu bleiben, und eine Neigung zum politischen Extremismus – das alles wird den Leuten zur Last gelegt und so werden sie zu gesellschaftlichen „Problemfällen“ gemacht.

In der Veranstaltung soll geklärt werden:

  1. Die „Oberschicht“ zettelt eine Armutsdebatte über die „Unterschicht“ an. Warum? Was stört die Politik an der Armut?
  2. Als was gilt Armut – und was ist sie wirklich?
  3. Wie verfertigt die empirische Soziologie aus lauter individuellen (Not-)Lagen, Wertevorstellungen und Einstellungen „politische Typen“ und „soziale Milieus“ und beweist so wieder einmal, dass es keine Klassen, also auch kein Proletariat (mehr) gibt?

Vortrag und Diskussion zu Prekariat, Unterschicht und empirischer Soziologie mit dem Referenten Dr. Theo Wentzke
Mittwoch, 24. Januar 2007, 19 Uhr ct
in der Universität Freiburg, KG III, Raum 3117


1 Antwort auf “Zur Kritik der Soziologie: Das „abgehängte Prekariat“ & die „Unterschicht“”

  1. 1 Das geprüfte Argument Trackback am 26. Januar 2007 um 22:03 Uhr
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