Emsdetten – warum läuft ein Schüler Amok?

„Das einzigste was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe war, das ich ein Verlierer bin.“ (Sebastian B., dokumentiert u.a. auf www.telepolis.de)

  1. Dass das moderne Schulwesen sehr brutal ist und viele Verlierer produziert, das wird nirgends verschwiegen. Das wissen Amokläufer und Journalisten. Sie interessieren sich aber sehr wenig für die Gründe dieser knallharten Selektion. Die Konkurrenz, die in der Schule veranstaltet wird, hat den Zweck, die Bürger der Gesellschaft auf die Hierarchie der Berufe zu verteilen. Der Bedarf der kapitalistischen Gesellschaft ist dabei längst unterstellt und sieht folgendermaßen aus: Viele sollen Verlierer sein, müssen sich mit schlecht bezahlten Jobs und lebenslanger, harter Arbeit begnügen oder haben, falls das Kapital hierfür keinen Bedarf sieht, mit Arbeitslosigkeit auf einem staatlich definiertem Armutsniveau zurechtzukommen. Eine Minderheit hat die Aussicht, auf die wenigen höheren Positionen zu gelangen und auf genug Geld, um davon bequem leben zu können.

    Genau diesem Zweck entsprechend ist die Schule organisiert. Das Wissen, das vermittelt wird, soll in einer bestimmten Zeit erlernt werden, ganz gleich ob man länger dafür benötigt oder nicht, und wird in Prüfungen abgefragt, und die enden bekanntlich in einer Note. Unwissen wird also nicht beseitigt sondern in Noten dokumentiert. Diese liefern schließlich einen Konkurrenzstand mit den notwendigen Gewinnern und Verlierern.1

  2. Dieses gesellschaftliche Selektionsergebnis tritt einem in der Schule als Charakterurteil entgegen. Es wird nämlich von bestimmten Fehlern und Unkenntnissen abstrahiert: Da hat ein Schüler beispielsweise die Termumformungen in der veranschlagten Zeit noch nicht verstanden = „5“. Diese Note ist damit nicht nur das Konkurrenzresultat, sondern wird auch mit einer Erklärung versehen: Der Schüler ist wohl mathematisch unbegabt oder hat nicht den nötigen Fleiß gezeigt. Also, lautet der gemeine Schluss, sind doch Noten ein Ausdruck der Person. Die Schüler gehörten just an den Platz, den sie in der schulischen Konkurrenz errungen haben.

    Diese Ideologie dreht die gesellschaftlichen Verhältnisse um. Jetzt heißt es, jeder ist seines Glückes Schmied. Dieser falsche Gedanke leistet großes für die kapitalistische Gesellschaft. Erstens heiligt er jedes Selektionsresultat als Ausdruck der Natur der Schüler und zweitens gibt er den Schluss vor, dass es in dieser Gesellschaft auf eines ankommt: sich in der Konkurrenz zu behaupten, zu den Gewinnern zu zählen und andere zu Verlieren zu machen.

  3. Die meisten Bürger in dieser Gesellschaft machen diesen Schluss leider mit. Sie entwickeln einen Glauben an sich als Erfolgsmenschen und wollen dieses Selbstbewusstsein anerkannt wissen.2 Dieser psychologische Erfolgsmaßstab beschränkt sich jetzt gar nicht auf die veranstaltete schulische oder ökonomische Konkurrenz, sondern will die eigene Vortrefflichkeit auch in abgetrennten Sphären anerkannt kriegen. Deswegen wird in der Konkurrenzgesellschaft auch angegeben, was das Zeug hält: Was für ein Auto man fährt, ob man Markenklamotten trägt oder wie intellektuell man ist, wie viele man ins Bett kriegt usw.

    Im Falle eines wirklichen Misserfolgs wird dann mehr an dem negativen Urteil über sich, als an den materiellen Schäden gelitten. Dann steht die Pflege des verletzten Selbstbewusstseins an und da steht in der Gesellschaft einiges zur Auswahl: man borniert sich auf eine andere Konkurrenzsphäre und sieht sich da kompensatorisch als Macher anerkannt, oder man verstrickt sich in der Suche nach Faktoren, die den Erfolgsmenschen in einem hemmen und wälzt beispielsweise „Psychologie heute“.

    Einige, wie beispielsweise der letzte Amokläufer, wollen ihrer realen Lage und der als mangelhaft empfundenen Anerkennung zum Trotz zu den Erfolgsmenschen zählen. Maßstab der Rache ist heutzutage eben genau dies: ein blamierter Erfolgsmensch, will sein Recht auf Erfolg wieder herstellen. Die Radikalität dieses Idealismus ist es, was solche Gewalttäter ausmacht: per Gewalt sollen diejenigen bestraft werden, die einem die Ehre streitig machen.

    Die gesellschaftliche Erwünschtheit dieser Gedanken und die eingerissene Normalität von Anerkennungswahn und Selbstbewusstsein sind der Grund dafür, dass diese Taten als unfassbar gelten und Computerspiele, Schützenvereine oder mangelnde psychologische Betreuung ins Visier der staatlichen Behörden gelangen. Es soll sich nämlich weder an dem Zweck der Schule, also der Vorssortierung der Jugend auf die gesellschaftliche Hierarchie, noch an der erwünschten, aber falschen Geisteshaltung der Leute etwas ändern. Nur soll die Jugend beides aushalten, anstatt Respekt auf unerlaubte Weise mit Waffengewalt einzufordern.

  1. Das Lernen unter dem Diktat der Note wurde in einem Vortrag des wissenschaftskritischen Vereins replique e.V. erschöpfend untersucht.[zurück]
  2. Zum notwendigen Zusammenhang von Selektion, dem Kult des Selbstbewusstseins und seinen unerwünschten Gewaltprodukten siehe auch Freerk Huisken: Über die Unregierbarkeit des Schulvolks – Rütli-Schulen, Erfurt, Emsdetten usw.. Der Autor hat auch eine Analyse des aktuellen Amoklaufs und seiner öffentlichen Bewältigung in der Jungle World vom 29.11.06 veröffentlicht. Der hier gespiegelte Artikel „Schon wieder ein Einzelfall“ ist sehr zu empfehlen.[zurück]

4 Antworten auf “Emsdetten – warum läuft ein Schüler Amok?”

  1. 1 Igelborste 09. Dezember 2006 um 12:41 Uhr

    Die Leute wurden so erschaffen andere Menschen zu mißachten, zu verachten, häufig um ihre Sebsteinschätzung zu erhöhen. Die Menschenswelt unterscheidet sich nicht so stark von der Tierwelt. Aber Tiere töten andere für Essen, Leute tun das manchmal aus Spaß.

  2. 2 biber 06. Januar 2007 um 21:10 Uhr

    späte Reaktion, zugegeben…

    Soso, die Leute wurden also „erschaffen“ und dann auch noch so, dass sie andere quasi von Natur aus verachten. Man, man, man, irgendwie dachte ich immer, das läge vielmehr am Hineingeborenwerden und Sichdrinbehauptenmüssen in eine Gesellschaft, die Konkurrenz unter all den Individuen qua Recht und Gewalt einrichtet. Dass da irgendwie das Individuum auf die herrschende Ordnung reagiert, sich (zwangsläufig) mit ihr arrangiert und so überhaupt erst auf den Trichter kommt, sich gegen andere durchsetzen zu müssen und dabei gut abzuschneiden. Aber nun weiß ich ja, wir sind och nur Tiere, können also getrost die Prinzipien des ollen Darwin auch auf uns anwenden, ist ja nur natürlich. Nebenbei: auch Tiere töten bisweilen ohne erkennbaren Zweck, ob sie dabei so etwas wie Spaß empfinden weiß ich nicht und ehrlich gesagt kann ich mir die Freude, die es bringt andere meiner Spezies zu töten, auch nicht vorstellen.

  1. 1 Subnetmask - JaBBs Web- & PhotoBlog » BlogArchiv » Stereotypen Pingback am 19. Dezember 2006 um 8:27 Uhr
  2. 2 Antwort 1: Bemerkung zur Menschennatur // Ideologiekritik Pingback am 31. Januar 2007 um 14:50 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.