Es ist was faul…

GammelfleischNa gut, niemand verlangt von toten Muskeln, dass sie hart arbeiten müssten, aber das mit der „ewigen Ruhe“ hat dieses tote Gewebe dennoch ganz offensichtlich missverstanden. Der Tod ist schließlich noch lange kein Grund, sich auf die faule Haut zu legen und einfach so rumzugammeln. Oder was sonst, außer dem Fleisch selbst sollte schon der Grund dafür sein, dass schon wieder ein Lebensmittelskandal die Republik erschüttert, naja, besser gesagt: leicht beunruhigt. Teilweise sogar eher anödet.

Zumindest die Taz kann im Fall der verdorbenen Döner-Spieße ein Gähnen nicht unterdrücken. Wer bisher dachte, das Umdeuten eines solche Vorfalls zu einem Skandal, zu einer expliziten Ausnahme im normalerweisen einwandfreien Lebensmittelgeschäft sei der einzige Weg, seine Leser mit den Gründen derartiger Verderbnisse nicht zu belasten, der irrt. Das Vermeiden von Erklärungen geht auch noch einfacher, wie die Taz vom 2. September 2006 demonstriert.

Wieder einmal erweist sich der Skandal als das Medium der Ahnungslosen.

…weil man doch ganz einfach damit rechnen muss, dass man Müll auf den Tisch bekommt, wenn man nicht aufpasst. Weit davon entfernt, sich zu fragen, wie so etwas denn in einer Welt, in der der Markt doch angeblich für gute Qualität und geringe Preise sorgt, sein kann, geht die Taz einfach wie selbstverständlich davon aus, Ekel zu erhalten, wenn man nach Genuss fragt und nicht ganz genau hinschaut.

Ob ein Dönerspieß aus massivem Fleisch besteht oder aus zusammengemanschten Abfällen, kann jeder Konsument leicht auf den ersten Blick erkennen. Wer von Lebensmitteln auch nur den geringsten Schimmer hat, entschied sich schon immer für die Fleisch-Version – weil der Müll-Döner auch dann nicht appetitlich ist, wenn die eingearbeiteten Schlachtabfälle das Verfallsdatum nicht überschritten haben.

Der Mann hat recht. Ja bei Gott, was regt sich denn die Welt jetzt auf – bei dem Scheiß, den man während der unskandalösen Zeiten erhält und isst. Aber jetzt bitte nicht falsch verstehen und sich wundern, warum eigentlich bereits der Alltag von Ei, Fleisch und Tomate ziemlich unappetitlich ist. Der pfiffige Konsument nimmt das als Naturgegebenheit hin – wie gesagt, vielleicht lags ja am Fleisch selbst – und muss sich eben schlau machen, welche Nahrungsmittel für den Genuss taugen und welche nicht.

Für Konsumenten in Deutschland bedeutete beispielsweise die Tierseuche BSE zu keinem Zeitpunkt ein nennenswertes Risiko. Dennoch stiegen die Verbraucher massenweise von qualitativ hochwertigem Rind-, Kalb- oder Lammfleisch auf minderwertige Wurstprodukte aus Schlachtabfällen von Schwein oder Geflügel um.[…] Dabei weiß der Verbraucher bei unverarbeiteten Lebensmitteln wie einem Stück Fleisch oder einem ganzen Fisch immer noch am ehesten, was er bekommt.

Gewusst, wie: Man muss eben genau einschätzen können, wann man welches Risiko eingehen sollte. Die Taz zumindest empfiehlt ganze Stücke, denn die enthalten höchstens Nitrofen, Antibiotika und BSE-verursachende Prionen, und sind nicht im schlimmsten Falle auch noch zusätzlich vergammelt. Damit ist die Frage, wieso das alte Fleisch über die Ladentheke wandern konnte dann übrigens doch noch beantwortet:

Solche Artikel [ganze Stücke] sind in den Supermärkten aber seit Jahrzehnten auf dem Rückzug, weil die Deutschen lieber Fertigprodukte kaufen – das Fischfilet mit Sahnesoße und Zucker oder den Döner vom Gammelspieß.

Alle Tierfreunde können also erleichtert aufatmen. Nein, nicht – wie oben ironisch suggeriert – das Tier, sondern der „Kunde König“ trägt die Verantwortung. Wer aber auch immer partout „Gammelfleisch, Dioxineier und Uranmineralwasser“ auf seinen Einkaufszettel schreibt, hat wirklich keinen Grund, zu meckern, er kriegt schließlich genau das, was er will – und ein paar ungeahnte Überraschungen obendrein.

Spaß beiseite: Bloß ein paar Tage vor dem Skandal um das alte Dönerfleisch veröffentlichte Web.de eine kurze Nachricht, die im Titel eine etwas einleuchtendere Erklärung andeutet:

Der Konkurrenzkampf in der Döner-Branche mindert die Qualität.

Im Bundesdurchschnitt wird mehr als jeder zweite Döner Kebab von den Untersuchungsämtern beanstandet. Meist liegt der Hackfleischanteil zu hoch, mitunter wird auch billigeres Geflügelfleisch teilweise mit viel Haut und ohne entsprechenden Hinweis verwendet.

Die Erklärung, warum Gammelfleisches und ähnliche ekelerregende Nahrungsmittel zu unserer Gesellschaft notwendig dazugehören findet sich in einem Artikel der versus 10, der sehr zu empfehlen ist. Wegen seiner leider bleibenden Aktualität sei er zum nachlesen und kommentieren an dieser Stelle nochmals veröffentlicht. Gegen Ende des Textes findet sich auch die Widerlegung der Behauptung, der Kunde sei ja selber Schuld am Gammelfleisch, da er schließlich nicht bereit sei, mehr zu zahlen.


Der neueste Lebensmittelskandal: König Kunde kriegt Gammelfleisch

Gammelfleisch ist überall …

Ende November waren etliche Verlautbarungen der folgenden Art dazu angetan, den Bundesbürgern die vorweihnachtliche Freude auf den Festtagsbraten gründlich zu vergällen:

„Verdorbenes Hackfleisch, stinkende Döner, schlieriges Roastbeef, angegammeltes Putenhack, Abfälle aus der Geflügelzucht – die Meldungen über das, was die Deutschen nichts ahnend Tag für Tag verspeisen, wurden immer ekliger. Tonnenweise hatten dubiose Firmen Gammelfleisch über die Republik verteilt.“ (Spiegel 28.11.05)

„Der Umgang mit abgelaufenen Fleischprodukten ist weder einer einzelnen Supermarktkette noch einem einzelnen Großhändler oder Hersteller zuzuordnen. Die Spuren führen quer durch die Republik. … Die Fleisch-Mafia ist überall. Selbst Ökofleisch soll betroffen sein.“ (Freitag, 9.12.)

Erklärtermaßen sind also nicht nur einzelne „gewissenlose Betrüger“ am Werk, die auf Kosten der Gesundheit der Verbraucher ihr Geschäft machen. „Gammelfleisch“ ist vielmehr ein ziemlich ubiquitäres Phänomen.

… wegen der „Zwänge des Marktes“

Die Gründe dafür werden in der Presse so dargelegt: „Die Schlachtereien aber müssen aus Kostengründen die Tierkörper fast zu 100 Prozent verwerten. Nur lassen sich viele Tierteile schwer vermarkten. „Das ist die logische Konsequenz des Preiskampfes“, sagt Martin Fuchs, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Fleischerverbands, „die Margen sind so gering, dass es nicht mehr drin ist, Ware einfach wegzuschmeißen.“ Also gibt es Spezialfirmen, die mit allem handeln, was so liegen bleibt“ (Der Spiegel, 28.11.)

„Die Verlockung, Schlachtabfälle oder Fleisch jenseits des Verfalldatums zu verwerten, ist obendrein durch den wachsenden Wettbewerb in der Branche gestiegen. Seit etwa vier Jahren bieten auch Discounter Frischfleisch an, was die gesamte Branche unter Druck gesetzt und einen beispiellosen Konzentrationsprozess ausgelöst hat, der noch nicht abgeschlossen ist. Maximal fünf Unternehmen würden in Zukunft noch eine wirklich bedeutende Rolle spielen, …Dies setze den kleineren Fleischverarbeiten zu – und habe manche von ihnen in die Illegalität getrieben.“ (ebd.)

Die Zwänge der Konkurrenz sorgen also dafür, dass unsere eigentlich grundsoliden, hart arbeitenden Schlachthöfe und Fleischverarbeiter Abfall und Verdorbenes verkaufen. Nicht das Geschäftsinteresse aller Beteiligten gebietet einen derart rücksichtslosen Umgang mit der Gesundheit der Verbraucher, sondern die Not, einen Profit erzielen zu müssen in einem Umfeld von Konkurrenten, die das Gleiche vorhaben…

Ja wenn das so ist, dass in unserer schönen Marktwirtschaft ein fast unabweisbarer Sachzwang herrscht, sich derart unfeiner Methoden zu bedienen, dann ist das doch ein handfester Einwand gegen das ganze System der Konkurrenz. Diese Lesart bietet freilich keine Skandalbesprechung ihren Adressaten an. Und es kommen auch keinerlei Zweifel an dem Mantra von den segensreichen Wirkungen auf, welche die Konkurrenz allüberall entfalten würde, wenn man, i.e. Staat und Gewerkschaften, sie nur ließe. Das Bild von einem Wettbewerb, der fast nur Opfer kennt, will nämlich nichts anderes als eine Branche im Dilemma vorstellig machen: Kostensenkung ist in dieser Lesart nicht das Mittel der Fleischproduzenten, um die Preise zu senken, die Konkurrenten so aus dem Markt zu drängen und selber Gewinn einzufahren, sie ist vielmehr ein Zwang, dem sie, mal mehr, mal weniger, ausgeliefert sind.

Die Botschaft, dass in der Marktwirtschaft mit Dreck gehandelt werden muss, lässt sich auch mit genau der entgegengesetzten Betonung vermitteln: Bei den Gewinnen, die auf dem Gebiet der Fleischverwertung winken, wenn man nicht immer mit dem Lebensmittelgesetz unter dem Arm durch den Betrieb läuft, muss man ja fast schon schwach werden:

„Die Möglichkeiten, Schlachtabfälle als lebensmitteltauglich zu deklarieren, sind riesig. Es locken Gewinnspannen von 300 Prozent. Auch beim Tiermehl, das nicht an landwirtschaftliche Nutztiere verfüttert werden darf, ist Betrug lukrativ. Dieser Dünger ist hochproteinhaltigem Futter gleichwertig, das das Zehnfache kostet.“ (T. Bode im Spiegel, 12.12.)

Sei es, weil die Konkurrenz ihnen die Luft zum Atmen, i.e. jeden Spielraum zur Einhaltung der einschlägigen Vorschriften nimmt, oder weil der schnöde Mammon lockt, die Marktwirtschaft bietet einschlägigen Unternehmen in jedem Fall Anlass genug zur Produktion und zum Handel mit „Gammelfleisch“. Einerseits.

Der Staat passt auf …

Andererseits ist und bleibt ein derartiges Geschäftsgebaren selbstverständlich eine „Riesensauerei“. Da schließen sich alle dem Verdikt des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten vorbehaltlos an. Schließlich hat der Staat, eben weil eine Geschäftswelt, der es um ihren Profit geht, Unappetitliches, Ungenießbares und Schlimmeres an den Mann bringt, Vorschriften erlassen, die festlegen, inwieweit das erlaubt ist. Und wenn dasselbe Geschäftsinteresse, das solche Vorschriften notwendig macht, diese mehr oder weniger trickreich umgeht oder einfach nicht einhält – was notwendigerweise passiert, weil man so die genannten hochprozentigen Gewinnspannen erzielt – , dann erst ist eine „Sauerei“ eine solche, denn dann ist der geschäftsmäßige Umgang mit dem Fleisch kriminell und Verständnis für wirtschaftliche Zwänge fehl am Platz.

… „so gut er kann“

Also ertönt der Ruf nach besseren und schärferen Kontrollen, der, – ‚realistisch‘ wie unsere Experten nun mal sind – ergänzt wird durch prinzipielle Skepsis in Bezug auf deren Umsetzbarkeit:

„Um die Kontrollen tatsächlich wirksamer zu machen, müssten sie vielmehr einer neuen Logik gehorchen: Zurzeit kontrollieren nämlich ausgerechnet die kommunalen Veterinäruntersuchungsämter die Schlachthöfe. Interessenkollisionen sind da programmiert. Ein Kreisveterinär, der den möglicherweise größten Gewerbesteuerzahler seiner Gemeinde genauer als üblich inspiziert, muss jedenfalls ein mutiger Mensch sein.“ (Die Zeit, 1.12.)

Die aktuell herrschende „Logik“ gebietet es offenbar, nicht so genau hinzuschauen. Jedenfalls wenn das Mitglied der „Fleischmafia“ gleichzeitig der wichtigste Steuerzahler ist, also nicht nur inoffiziell zur „Ehrenwerten Gesellschaft“ gehört. Das relativiert nebenbei ein Stück weit das Bild vom verzweifelt am betrieblichen Existenzminimum herumkrebsenden ‚Grattler’, der sich nolens volens auf zwielichtige Geschäfte einlässt. Vor allem aber eröffnet es einen Blick auf die Maßgabe, mit der die gesetzlichen Vorgaben erlassen worden sind: auf die Verträglichkeit profitabel produzierter Produkte soll geachtet werden ohne den Geschäftserfolg allzu sehr zu behindern.

Auf diesen Erfolg seiner Unternehmen kommt es dem staatlichen Verwalter des Standorts Deutschland nämlich an, weil seine wirtschaftliche Macht davon abhängt. Dass dies zu einem Dilemma für die konkret agierenden Kontrollinstanzen führen muss, leuchtet dem Kommentator schon wieder ein. Irgendwo muss der Staat schließlich sein Geld für seine vielen Aufgaben herkriegen. Deshalb kann er auch nicht einfach vor bzw. in jeden Schlachthof einen Aufpasser stellen, so wünschenswert es wäre:

„Mehr Geld zum Beispiel für mehr Kontrolleure wollen die meisten Länder nicht ausgeben, manche, wie Bayern, haben in diesem Bereich Personal abgebaut.“ (SZ, 9.12.)

Und überhaupt ist das verantwortliche Ministerium „eine Fehlkonstruktion, …eine reine Lobby-Einrichtung von Agrarwirtschaft und Lebensmittelindustrie. …Man kann nicht die Interessen von Verbrauchern und Agrarlobby gleichzeitig vertreten. Die sind oftmals gegenläufig.“ (T. Bode im Spiegel, 12.12.)

Dass in dieser schönsten aller Wirtschaftsweisen das Interesse der Wirtschaft dem der Menschen, von ihren Produkten leben zu können, widerspricht; dass gesetzliche Beschränkung des Wirtschaftsinteresses nötig ist, damit die Verbraucher nicht geschädigt werden, und dass diese Beschränkung auf das Funktionieren des Geschäfts zu achten hat, also nicht die Verbraucherinteressen gegen es durchsetzt, all das gilt den sachverständigen Skandalberichterstattern als Sachnotwendigkeiten, die zu diesem Laden dazugehören und keinesfalls gegen ihn sprechen sollen. Selbstverständlich wird nach „harter Bestrafung“ der beim Umetikettieren erwischten Unternehmen gerufen, aber dass das der „Fleischmafia“ wirklich das Handwerk legt? Der Journalist hat Zweifel. Bleibt nur einer, der dem Spuk ein Ende machen könnte, – der Konsument.

Wer Gammel kriegt, ist „selber schuld“

Der Verbraucher ist nämlich, glaubt man dem Ernährungsminister und der Presse, zu einem Gutteil, wenn nicht überhaupt, dafür verantwortlich, dass die Fleischproduzenten tun, was sie tun:

„“Die Geiz-ist-geil-Mentalität ist gerade bei Lebensmitteln hochgefährlich. Qualitativ hochwertige Lebensmittel haben ihren Preis.“ (Seehofer in Bild 1.12.)

„Allerdings hat dies auch eine Menge mit der um sich greifenden „Geiz-ist-geil“-Mentalität zu tun. Zwar sollen nun nicht die „Opfer“ des Fleischskandals zu Tätern stilisiert werden. Doch lohnt es schon das Nachdenken, wie Bauern, Schlachter und Händler noch Geld verdienen sollen, wenn Käufer vor allem Schnäppchen jagen. Qualität hat auch ihren Preis. „ (Kölnische Rundschau 30.11.)

Die Behauptung ist so alt wie der Kapitalismus selbst: Mit seinem „Kaufverhalten“ übt der Kunde den entscheidenden Einfluss auf die Warenanbieter aus. Als „König“ betritt er den Markt und zwingt mit seiner Nachfrage die Produzenten dazu, ihm anzubieten, was er verlangt. Ändert er sein „Kaufverhalten“, ändert sich – so die Behauptung weiter – auch die Produktion. Nun hat „König Kunde“ zwar nicht nach Stinkefleisch verlangt, er hat aber zu wenig Geld auf den Verkaufstisch geblättert. Da braucht er sich – Teil drei der Behauptung – nicht zu wundern, wenn er Stinkefleisch kriegt, denn „Qualität hat ihren Preis“ und das ist eben ihrer und über den kann der „König“ Kunde nicht bestimmen, er kann ihn nur bezahlen.

Der Schaden, den er erleidet, wenn er es nicht tut, ist ebenso ein Dementi der Vorstellung, er sei der eigentliche Herr der Marktwirtschaft, wie der Umstand, dass „Qualität“ für ihn (zu) teuer ist. Auf den Zweck der Produktion, ein Geschäft zu machen, hat die Macht der Konsumenten nämlich nicht den Hauch eines Einflusses. Alle Kunden der Welt können kapitalistische Produzenten nicht dazu zwingen, auf den Profit zu verzichten. Waren gibt es, weil, sofern und damit bei ihrem Verkauf ein Profit herausspringt, und nicht, weil der Konsument sie so bestellt hätte. Der möchte ja billig und gut, was bekanntlich „nicht geht“ wegen dem Profit. „Geld verdienen“ „Bauern, Schlachter, Händler“ und sonstige Akteure der Marktwirtschaft, indem sie zu einem Preis verkaufen, der ihre Kosten übersteigt – je mehr, desto besser.

Nur auf diese Differenz kommt es an, Waren, deren Verkauf diese Differenz nicht erbringt, gibt es nicht. Deshalb hat „Qualität ihren Preis“: der Verzicht auf Wachstumsbeschleuniger, Gift und Konservierungsmittel u.ä. kostet Geld und Gewinn soll gemacht werden. Der Hersteller, der seine Kosten senkt, kann seine Konkurrenten preislich unterbieten, so die Zahlungsfähigkeit der Kundschaft auf sich ziehen und dennoch Gewinn machen. Weil die Konkurrenz aber genau dasselbe macht, bleibt der Konkurrenzvorteil nur erhalten, wenn die Kosten immer weiter gesenkt werden, und bei den Mitteln zur Kostensenkung sind Skrupel nicht angebracht, wenn man die Differenz zwischen Kosten und Marktpreis vergrößern
will.

Diese Prinzipien des Marktes stehen fest, wenn „König Kunde“ auf ihm erscheint. Der kann sich nun entscheiden, nicht so direkt zwischen gut und schlecht – schließlich behauptet auch jedes Schnäppchen von sich qualitativ in Ordnung zu sein – sondern zwischen teuer und billiger. Und weil das Budget der „Könige“ meist mehr, selten weniger beschränkt ist, kommt immer teuer für die große Masse von ihnen nicht in Frage. Nicht weil sie „Geiz geil“ finden und nicht zahlen wollen, sondern weil sie sich teuer nur hin und wieder leisten können und, um sämtliche alltäglichen Bedürfnisse befriedigen zu können, meist billig kaufen müssen. Das ist so normal, dass diese finanzielle Beschränktheit die Geschäftsgrundlage für ein eigenes Marktsegment bildet: eine Heerschar von Billigheimern fabriziert und verhökert Schund (= „Qualität zu Top-Preisen“) für die Armen. Bei minimalen Herstellungs- und Vertriebskosten und einer geringeren Gewinnspanne pro Stück macht hier die Masse den Kohl fett.

Im Gammelfleischskandal fängt sich dieser poplige Marktmachtinhaber nun eine Kritik ein: bei Lebensmitteln sei „an der falschen Stelle gespart“. Die Frage, wo denn nun die richtige sei, stellt man besser nicht. Schließlich gilt ja überall, dass „Qualität ihren Preis“ hat, was heißt, dass, wer nichts sofort oder mittelfristig Unbrauchbares oder Schädliches kriegen will, sich das was kosten lassen muss. Bei jedem aktuellen Skandal gilt das dann mal eben ganz besonders. Wer sich das zu Herzen nimmt, dem sind die Kosten garantiert, die Qualität aber nicht. Das meiste Geld verdienen nämlich tüchtige Geschäftsleute, die Qualität draufschreiben, aber Schund reintun („Selbst Ökofleisch soll betroffen sein“).

König Kunde kriegt so was nur mit, wenn und falls ein öffentlich gemachter Skandal draus wird. So mächtig ist er.


2 Antworten auf “Es ist was faul…”

  1. 1 Gammeldöner // Darmstädter Destruktivismus Pingback am 06. September 2006 um 19:30 Uhr
  2. 2 MPunkt Trackback am 07. September 2006 um 8:42 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.