Warum werden Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften als Heuschrecken beschimpft?

Das Referat Ideologiekritik lädt heute abend, am 02. August zur Diskussion:

Warum werden Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften als Heuschrecken beschimpft?

Freiburger Kommunalpolitiker planen den Verkauf der Stadtbau an kapitalträchtige Investmentfirmen und die Gegner zeigen Flagge: Die Investoren seien nur an Profit interessiert und würden die Stadtbau zum Schaden der Mieter bloß aussaugen, um danach mit fetten Bäuchen weiterzuziehen.

Dieses Bild haben sich die Bürger nicht selbst ausgedacht, sondern dankend vom jetzigen Arbeitsminister Müntefering übernommen, der letztes Jahr eine ähnliche Kritik äußerte:

Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten – sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter. Gegen diese Form von Kapitalismus kämpfen wir. (Bild am Sonntag, 17. April 2005)

Unsere Kritik gilt der international wachsenden Macht des Kapitals und der totalen Ökonomisierung eines kurzatmigen Profit-Handelns. Denn dadurch geraten einzelne Menschen und die Zukunftsfähigkeit ganzer Unternehmen und Regionen aus dem Blick. Und die Handlungsfähigkeit des Staats wird rücksichtslos reduziert. Im Ergebnis wird damit die Reputation des Staates bei seinen BürgerInnen dramatisch belastet, weil er nicht mehr in der Lage ist, die von ihm erwartete Interessenwahrung hinreichend zu leisten. (Rede vom 13.04.2005)

Es ist schon recht merkwürdig. Das gesamte Gemeinwesen Deutschland ist so aufgebaut, dass das Auskommen der Bürger davon abhängig gemacht ist, den Profit der Wirtschaft zu steigern – wobei die diesem Ziel adäquate Arbeitsteilung für eine ziemliche Unterscheidung im Lebensstandard sorgt, von Managern über Mechaniker bis runter zum Putzpersonal. Dadurch, dass das Einkommen der „abhängig Beschäftigten“ im Gegensatz zum Unternehmenserfolg – Geldvermehrung – steht, muss ein Großteil der Bevölkerung ziemlich knapsen und aufs Geld schauen, ein nicht kleiner Teil wird gleich gar nicht gebraucht und hat dementsprechend kein Einkommen. Der Sozialstaat ist ein einzige Zeugnis für die Unfähigkeit der Geldquelle Arbeitsplatz, das Leben eines Beschäftigten zu sichern – von Gesundheit bis zur Rente ist er auf die Solidarität seinesgleichen angewiesen. Eigentlich wäre das ein Grund zu sagen, Deutschland hat mit der Interessenwahrung seiner Untertanen anscheinend wirklich nichts am Hut, wenn der Staat seine Bürger auf eine Einkommensquelle verpflichtet, die so unbrauchbar für die eigene Existenz ist.

Dafür bräuchte es aber nicht erst den Verweis auf die abgeleitete Geldmacherei, nämlich die Private-Equity-Gesellschaften. Ganz im Gegenteil lebt diese Art der Kritik à la Müntefering von der Vorstellung, Arbeitsplätze seien das beste Lebensmittel überhaupt und Unternehmen eigentlich dazu da, Arbeitnehmern eine Stelle zu verschaffen. Und Müntefering kann anscheinend schon gleich darauf setzen, dass die Bürger vom Staat erwarten, dieser hätte ihre Interessenwahrung im Sinn, wenn er kritisiert, dass Deutschland als ohnmächtig gegenüber den ausländischen schlimmen Fingern der Finanzwelt dasteht.

Ausgerechnet einer, der ansonsten jede Zumutung, die er und die Wirtschaft den abhängig Beschäftigten verabreicht mit dem Verweis begegnet, dies gehöre nun mal zu den Notwendigkeiten des kapitalistischen Systems, erklärt auf einmal einen Umstand, der ihm nicht passt mit der übertrieben Profitgier von einzelnen Extremisten eines Teils der Finanzwelt.1 Das ist schon bemerkenswert.

Das Rätsel, das sich also stellt: Wieso werden diese Gesellschaften von Politikern, die sonst nichts lieber haben, als ausländisches Kapital, welches im Standort Deutschland angelegt wird, überhaupt beschimpft? Was passt den Berufsnationalisten nicht an Hegdefonds und Privat-Equity?

Das wollen wir heute abend, am Mi., den 2.08.2006 auf dem Jour-Fixe des Referats Ideologiekritik, 19:30h im Konf-Raum des u-asta klären. Dazu schauen wir uns erst mal an, was diese Kapitalgesellschaften eigentlich genau tun, bevor geklärt werden soll, was Politiker – und Bürgerinitiativen wie „Wohnen ist Menschenrecht“ – daran aufregt. Als Lektüre sei der Artikel „Die „Heuschrecken“-Debatte ökonomisch ernst genommen – Wie die Stars der Finanzmärkte Geld vermehren“ aus dem Gegenstandpunkt 2-06 empfohlen.

Mit Diskussionsfreudigen Grüßen,

Das Referat Ideologiekritik

  1. Letzteres ist im Übrigen so ziemlich das Gegenteil von Kapitalismuskritik. Diese besteht gerade in dem Aufzeigen der Notwendigkeit von Schädigungen, die die Leute hierzulande tagtäglich erfahren müssen. [zurück]

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