Vortragsankündigung: Kritik der Philosophie

Im Grunde gibt es wichtigere Dinge, mit denen man sich geistig beschäftigen kann. Mit der Armut und dem Reichtum des Kapitalismus, mit Geld und Kredit, Krieg und Frieden, Staat und Volk – den wirklichen Mächten eben, denen das Leben der Menschen zu ihrem Nachteil unterworfen ist. Aber es lohnt sich schon auch, dem akademischen Selbstbewusstsein der modernen Gesellschaft einige Aufmerksamkeit zu widmen. Die bodenlose Art und Weise, wie diese Gesellschaft sich gedanklich Rechenschaft über sich gibt, ist selbst ein Beweis der Unvertretbarkeit der herrschenden Zustände, der Korrumpiertheit des bestallten Nachdenkens über sie – und der Dummheit, die es dafür braucht.

KRITIK DER PHILOSOPHIE: EIN DENKEN AUS DEM GEIST DER RECHTFERTIGUNG

Die Philosophie, hieß es einmal, sei die Königin der Wissenschaften und zugleich die Magd der Theologie. Diese Auskunft ist nicht so verkehrt. Sie wirft ein bezeichnendes Licht – auf die anderen „beschränkten Fach- und Verstandeswissenschaften“, und ebenso auf das Fach, das ihnen gegenüber der Hort der Vernunft zu sein beansprucht.

Philosophen sind stolz darauf, dass ihr Reich der Selbstreflexion im eigentlichen Sinn keine Wissenschaft von etwas ist. Gerne bekennen sie mit den Worten des alten Sokrates: “Ich weiß, dass ich nichts weiß!” Das halten sie aber nicht für ein Eingeständnis, dass ihre Kunst das Interesse der wissbegierigen Jugend nicht verdient; im Gegenteil: Philosophie bietet kein Wissen, sondern Besseres: Weisheit. Man könne Philosophie nicht lernen, sagen sie, man müsse selbst philosophieren!

Und wenn man das tut, betätigt man sich als unüberbietbar kritischer Geist. Philosophie ist das kritische Denken schlechthin. Sie erklärt nichts, hinterfragt dafür alles. Vor allem das Wissen selbst, aber auch das Wollen und die Wirklichkeit als solche. In ihrer kritischen Frage nach dem “Woher, Wohin und Wozu von Welt und Leben” (Heidegger) und in ihrer Distanz zum “Bloß Seienden”(Adorno) betätigt sie mit den Mitteln des Verstandes die religiöse Sehnsucht nach dem lieben Gott und dem “transzendentalen Obdach”, das der Glaube gewähren würde – wenn der moderne Mensch halt noch glauben könnte.

Die Philosophie ist das ausdrückliche und – ironisch genug – argumentative Bekenntnis zum Irrationalismus in der Wissenschaft. Ihre Vertreter werden freilich von den anderen wissenschaftlichen Disziplinen nicht geschnitten und aus dem Kreis derer, die Wissen erarbeiten, ausgeschlossen. Sie werden im Gegenteil als die korrekten Interpreten des wissenschaftlichen Denkens anerkannt: Was eine Theorie sei, wie das Erklären geht, was das Ziel der Forschung zu sein habe, – das lassen sich die Wissenschaftler von den Philosophen sagen. Ihr Fach ist das affirmative Selbstbewusstsein einer verkehrten Wissenschaft.

VORTRAG MIT DISKUSSION

am Mi., den 26. April 2006 um 19:15h
im Hörsaal 2004 der Universität Freiburg, Kollegiengebäude II


5 Antworten auf “Vortragsankündigung: Kritik der Philosophie”

  1. 1 Philosophiestudent 13. April 2006 um 21:08 Uhr

    Ich wüßte gerne, woher du die Idee nimmst, daß Philosophie die „Bekenntnis zur Irrationalität“ sei, oder sich als „Hort der Vernunft“ versteht. Das mag auf schlechten Internetseiten so formuliert sein, um zukünftige Akademiker anzulocken, eine seriöse Darstellung dessen, was die Philosophie an den Hochschulen so treibt, ist es nicht. Die plumpen Unterstellungen, was der Philosophiestudent im Allgemeinen so sagt und denkt, scheinen mir eher agressive Vorurteile zu sein (guck mal bei Adorno: „Studien zum autoritären Charakter“ über Sinn und Elend von Vorurteilen). Das die unterschiedlichen Disziplinen, z.B. Sprachphilosophie, Logik, Ästhetik, Existenzialismus, Buddhismus, politische Philosphie, Phänomenologie, Hermeneutik etc. von der gesamten Herangehensweise und damit auch vom Selbstverständnis weiter auseinanderliegen als z. B. Mikroökonomie und Doppelte Buchführung ist anscheinend schwer zu begreifen…Viel Spaß bei deinem „Vortrag“.

  2. 2 tesla 17. April 2006 um 17:43 Uhr

    Echt erstaunlich woher diese Vorurteile kommen; auf welcher plumpen Internetseite hast Du denn die Idee her, daß Philosophie das „argumentative Bekenntnis zum Irrationalismus in der Wissenschaft“ sei? Schließlich sind Zweige wie Logik oder Empirismus nicht dafür bekannt sonderlich irrational zu sein. Und wie kann sie eigentlich gleichzeitig der „Hort der Vernunft“ sein? Wie kann man sich mit „Kapitalismus, Krieg und Geld“ beschäftigen, dabei die Theorien zu Ökonomie (Marx, Latouche), Macht (Focault), Anerkennung (Hegel, Lacan, Honneth) nicht würdigen? Die „Magd der Theologie“ ist ein Vorwurf, der so modern ist, daß es fast absurd ist, darauf zu antworten, schließlich sind alle wichtigen Ideen einer atheistischen, religionskritischen und somit fortschrittlicheren Gesellschaft aus der Philosophie (z.B. Schoppenhauer, Nietzsche, Feuerbach usw.) gewachsen.
    Und sowas wie „der Philosoph ist stolz auf…“ scheint mir eher ein sorgsam gepflegtes Vorurteil (=Diskriminierung?) zu sein. Über den Ursprung und die Gefahr solcher Ressentiment hat Adorno in den „Studien zum autoritären Charakter“ schöne Sachen geschrieben.
    Am lustigsten ist die Idee, daß Philosophie „keine Wissenschaft von etwas ist“. Es gibt tatsächlich einfach sehr verschiedene Zweige in dieser Disziplin, z.B. Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie, Buddhismus, Hermeneutik, Ästhetik, Politische Philosophie, Ontologie, Existenzialismus…das da die thematische Spanne größer ist, als zwischen Thermodynamik und Quantenmechanik sollte eigentlich nicht überraschen.
    Viel Spaß bei deinem Vortrag.

    PS. „wissbegierige Jugend“ scheint mir auch eher ein Scherz zu sein

  3. 3 Karl 18. April 2006 um 10:54 Uhr

    Wer den hier vorgebrachten Thesen widersprechen möchte, sei herzlich zu unserem Vortrag eingeladen. Zwischenfragen und Kritik währrend des Vortrags sind ausdrücklich erwünscht. Außerdem ist nach dem Vortrag noch reichlich Zeit für Diskussionen eingeplant.
    Ich werde auf die hier geäußerte Kritik nicht eingehen, weil dazu 1.der Vortrag vorgesehen ist und eine solche Diskussion 2. mit Sicherheit den Rahmen der Kommentarfunktion des Blogs sprengen würde.
    Es wäre jedenfalls schade wenn ihr zwei euch beleidigt daheim einschließt, weil jemand eure Lieblingsgeisteswissenschaft kritisiert hat, anstatt zum Vortrag zu erscheinen und dort die Philosophie zu verteidigen.

    Gruß,
    Karl

  4. 4 Richard 18. April 2006 um 12:45 Uhr

    Einige Bekenntnisse zum Irrationalismus:

    „The most perfect philosophy of the natural kind only staves off our ignorance a little longer: as perhaps the most perfect philosophy of the moral or metaphysical kind serves only to discover larger portions of it. Thus the observation of human blindness and weakness is the result of all philosophy, and meets us at every turn, in spite of our endeavours to elude or avoid it.“ (Hume, http://en.wikiquote.org/wiki/David_Hume)

    „Wenn man einen Mathematiker, einen Mineralogen oder einen anderen Gelehrten fragt, zu welchem Bestand an Wahrheiten es seine Wissenschaft gebracht habe, wird seine Antwort mit Leichtigkeit so lange dauern, wie wir ihm zuhören wollen. Aber wenn man die selbe Frage einem Philosophen stellt, wird er – wenn er offen und ehrlich ist – zugeben müssen, daß man hier zu keinen positiven Resultaten, die mit denen anderer Wissenschaften vergleichbar wären, gekommen ist. […] Der Wert der Philosophie besteht im Gegenteil gerade wesentlich in der Ungewissheit, die sie mit sich bringt“
    (Russell, Reclam „Was ist Philosophie, S. 218)

    „,Wir kennen nichts als unsere Art, sie [die Dinge] wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem Wesen, ob zwar jedem Menschen, zukommen muß. […] Was es für eine Bewandtnis mit den Gegenständen an sich und abgesondert von aller dieser Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt.'‘
    (Kant: Kritik der reinen Vernunft, B 59)

    „Die Erkenntnistheorie ist tatsächlich und rechtens das, als was sie von der Tradition aufgeführt wird, nämlich ein Zweig der Philosophie und damit eben auch teilt sie jene Eigentümlichkeit der Philosophie, die darin besteht, daß sie bis heute jedenfalls, abschlußhafte Lösungen, endgültige Aussagen: Das ist so und das ist nicht so, sich entzieht, und das die Dimension ihrer Wahrheit überhaupt nicht in der Sphäre einer solchen Feststellbarkeit liegt, ohne daß doch deshalb die Frage nach Wahrheit oder Unwahrheit jemals gleichgültig würde oder von ihr dispensiert werden könnte.“
    (Adorno, Theodor W.: Vorlesung zur Einleitung in die Erkenntnistheorie, Frankfurt a. M. 1971, S. 10.)

    Wollt Ihr wirklich behaupten, dass diese Philosophen wegen dieser Aussagen in der Philosophie nichts gelten würden? Dass gegenwärtige Philosophen solcherlei Definitionen von Philosophie harsch zurückweisen würden? Dass die hier zitierten Positionen Außenseiterstatements seien?

    Die These zum Vorurteil zu deklarieren lässt die Behauptung voll und ganz stehen, wenn man sie nur ein bischen umwandelt (z.B. „viele/die meisten Philosophen…“). Von daher sollte man schon mal ihren Gehalt angreifen, wenn man sie für falsch hält. Interessiertes Denken sollte man doch bitte erst unterstellen, nachdem ein Fehler nachgewiesen wurde – ansonsten kann man sich den Vorwurf ständig gegenseitig um die Ohren hauen, ohne weiterzukommen. Der Verweis auf Gegenstände der Philosophie scheint mir da schon wertvoller, ich werde mir das mal überlegen…

    Da ich allerdings im Augenblick nicht viel Zeit habe, würde ich auch sagen: geht zu der Veranstaltung, hört Euch die Begründungen zu den Thesen an und weist der Argumentation dann ihre Fehler nach, gerne auch schriftlich.

  5. 5 Jan 22. April 2006 um 21:14 Uhr

    Ich kann leider nicht zum Vortrag kommen.
    Gegen einige Thesen von Decker habe ich Einwände vorzubringen, wenn die besagen sollen, die Philosphen seien alle Freunde des Irrationalismus gewesen. Da ich auch nur wenig Zeit habe nur ganz kurz: Ist Hegel kein Philosoph? Meines erachtens kann man aus der Lektüre des Wissenschaft der Logik etwas lernen und Decker hat doch auch schon Vorträge über Hegels Logik gehalten. Mir würde auch noch ein anderer Philosoph einfallen: Bei Aristoteles findet man z.B. eine Kritik an zeitgenössischen Spielarten des Pluralismus im 4. Buch der Methapysik.Dort widerlegt er verschiedenen Spielarten der Vorstellung, dass gegesätzliche Urteile über denselben SAchverhalt möglich seien.

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