Die verordnete Meinungsvielfalt in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften – Eine Geisteshaltung falscher Wissenschaften

Am Donnerstag, dem 1.12.2005, erschien im u-asta-info der folgende Artikel des Referates „Politische Bildung“:

Man kennt es aus dem Alltag: Das Fahrrad ist kaputt gegangen und man will sich erklären wieso. Kennt man sich mit der Funktionsweise des Fahrrads aus, lässt sich leicht herausfinden, was weshalb nicht funktioniert, und damit auch, wie man den Schaden beheben kann. Kennt man sich nicht aus, dann kommt es zu verschiedenen Meinungen und vagen Vermutungen. Mit dieser Unkenntnis ist man höchst unzufrieden, man will sie beseitigen, dafür wird dann argumentiert und gestritten.

Ganz anders ist dies in den heutigen Gesellschaftswissenschaften. Dort gibt es keine Unzufriedenheit mit dem Zustand der Unkenntnis, im Gegenteil: Es wird damit angegeben, dass es sich bloß um vorläufiges Wissen handelt, dass es bloß Sichtweisen sind, die man sich zugelegt hat und dass die eine Lehrmeinung gleichberechtigt neben der anderen steht.

Der Grund für diese „Normalität“ ist ein staatlich geschütztes und verordnetes Pluralismusgebot. Der einzelne Wissenschaftler braucht sich seine Lehrmeinung nicht wegnehmen zu lassen, weder von Kollegen, noch von einem besseren Argument. Es ist sein Recht, sie zu haben, aber er hat umgekehrt die Pflicht, neben seiner Lehrmeinung die des anderen gelten zu lassen. Damit wird jeder Wissenschaftler verpflichtet, seine Meinung bloß subjektiv für sich zu beanspruchen und keine Objektivität zu beanspruchen.

Dieses politische Gebot hat zwei Leistungen: Erstens wird damit jede Geisteswissenschaft von der objektiven Beschäftigung mit einer Sache getrennt. Weder kann man sich mit anderen über das Objekt streiten, noch kann man sich über es einigen, weil von vorneherein feststehen soll: Niemand kann nichts genaues wissen! Zweitens wird die Autorität des Wissens durch die Autorität der Lehrbefugnis ersetzt. Der Dozent hat als letztes Argument für seine Auffassung, dass er der Dozent ist und den Schein zu vergeben hat.

Leider wehrt sich heutzutage kein Wissenschaftler mehr gegen diese staatliche Zumutung. Sie wird vielmehr zu einem ganzen Verhaltenskodex ausgebaut, an den man sich auch halten muss, wenn man seine Scheine machen will. Es handelt sich immer um folgenden Widerspruch: Einerseits behauptet man, Wissenschaftler zu sein und damit etwas über die Objektivität auszusagen; damit will man etwas gegen andere Theorien behaupten und andererseits will man genau dies nicht tun. Eine Art und Weise, diesen Widerspruch zu lösen ist die, den Gegensatz zu anderen Theorien zu bestreiten. Man gibt sich bescheiden und sagt, dass man bloß einen Ansatz hat. Die dreist vorgetragene Bescheidenheit soll gegen mögliche Kritik immunisieren. Sie ist ja nur ein Ansatz. Umgekehrt verlangt sie von der Gegenseite, dass diese sich ebenfalls dazu bekennen soll, bloß ein anderer Ansatz zu sein, damit danach jede mangelhafte Theorie nebeneinander Bestand hat.

Jetzt relativiert jeder seine Ansicht über eine Sache zu einem Aspekt und es kommt zu ebenso vielen Aspekten der Sache, wie sich Wissenschaftler an der Debatte beteiligen. Jeder rechtfertigt seinen Aspekt, indem er den anderen vorwirft, das vernachlässigt, ausgeblendet, unterschlagen zu haben, was er einbringen möchte. Das nehmen die Kollegen nicht weiter übel, denn gegen solche Kritik können sie mit dem gleichen Recht darauf bestehen, dass sie eben auch nur ihren Aspekt behandelt haben. Jeder begründet seine Sicht der Sache mit seinem Interesse, sie eben so zu sehen. Erkenntnisinteresse schimpft sich das.

Um das zu rechtfertigen, stellen demokratische Wissenschaftler ihre Einsichten als das tautologische Produkt eines Vorurteils hin. Sie versprechen, dass bei ihren Theorien nichts anderes herauskommt, als was sie vorher in Form ihrer Absicht und methodischen Vorentscheidungen hineingesteckt haben. Da weiß man, was man hat. Das Vorurteil geht in Ordnung, ist nach allgemeiner Auffassung sogar nötig, man muss es nur zugeben und ausdrücklich machen, damit niemand das parteiliche Bild mit einer
objektiven Erklärung verwechselt.

Das ganze System von verkehrten Anforderungen an Theorien, mit denen die Wissenschaftler ihre Debatten führen, dient nur dazu, die eine Frage an die vorgetragenen Erklärungen zu verhindern, auf die es ankäme: die nach ihrer Wahrheit. Richtige Einsicht in ihre Institutionen, ihr Funktionieren und ihre Prinzipien kann diese Gesellschaft, die sich immerhin Wissenschaft leistet, offenbar nicht brauchen. Das wirft kein gutes Licht auf sie – und kein gutes Licht auf die Wissenschaft, die gerade durch den Verzicht auf Wahrheit ihren Staatsdienst leistet.

Dieser Artikel soll zum Nachdenken anregen. Wir bitten um eingehende Prüfung der vorliegenden Argumente. Öffentliche Erwiderungen im u-asta-info sind ebenso erwünscht, wie Kritik, Mitteilungen, Anregungen etc. direkt an uns. Ihr erreicht uns an unserem festem Termin (jeden Montag abend, 19:30h
im Geier, Belfortstr. 38) oder über unser Kontaktformular (www.politischebildung.net). Wir freuen uns auf eine sachliche Diskussion, das Referat Politische Bildung.


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